Frankreich, Tag 4: Col d’Iozard
Donnerstag, der letzte Tag der Tour. Es geht am Vormittag entlang der N94 nach Süden Richtung Gap bzw. Embrun. Die N94 (Nationalstrasse) ist stark befahren und die Autofahrer sind leider nicht ganz so umsichtig wie die Tage zuvor. Zum Glück keine kritischen Situationen, aber das normale Bundesstrassengefühl, das man von uns kennt.
Die Strasse führt durch das Tal der Durance, und es geht die meiste Zeit bergab, lediglich zwei unangenehme Schupfer machen meinen mittlerweile doch recht mürben Beinen leichte Schwierigkeiten.
Nach 40 Kilometern biegt man von der N94 nach links Richtung Guillestre ab, und es geht direkt nach dem Ort steil nach oben.
Der Anstieg ist aber nicht lang und man findet sich bald in einem abschüssigen Tal wieder, das tief eingeschnitten wie eine Schlucht wirkt.
Viele Triatlethen sind unterwegs, die sich die Radstrecke nochmal ansehen wollen, bevor sie sie morgen im Wettkampf fahren müssen. Die wenigsten haben sich die Mühe gemacht, überhaupt einen Auflieger auf ihre Renner zu montieren – viel flach gefahren kann hier onehin nicht werden.
Nach der schluchtartigen Combe du Queyras geht es wieder leicht bergauf, und man gelangt zur langen Anfahrt zum Izoard in einem offenen Tal. Hier begegne ich einem anderen Wilier-Fahrer, der aber schlauer war als ich und sein Mortirolo auf den Dachträger geschnallt hat. Damit spart er sich das nervenaufreibende Erlebnis, schnurgerade auf einer scheinbar nur leicht ansteigenden Strasse zu fahren – ein Blick auf den Höhenmesser aber verrät, warum ich so langsam bin: 5 – 7% Steigung fast ohne visuelles Feedback. Nach ein paar Dörfern beginnt der eigentliche Anstieg mit einer unangenehmen Rampe, bevor es dann mit einer Rechtskehre in die Serpentinen geht.
Der Anstieg ist durchgängig in bewaldetem Gebiet, so machen einem die doch recht hohen Temperaturen wenig zu schaffen. Die Strasse ist steil, aber rythmisch zu fahren. Ich merke, dass ich schon seit drei Tagen unterwegs bin. Obwohl der Anstieg zwar steil, aber durchaus machbar ist, will es nicht so richtig. So quäle ich mich dahin, bis ich aus dem Wald herauskomme und nach ein Paar Tritten mehr in der Casse Desert – einer nur spärlich bewachsenen Geröllgegend – lande.
Von hier aus sieht man bereits den Pass, die kurze Abfahrt zum finalen Anstieg gibt noch ein bisschen Kraft, das Denkmal für Coppi und Bobet motiviert zusätzlich.
Dort sehe ich auch den zweiten Markenkollegen, einen Franzosen mit einem roten Wilier Izoard (Campa-Ausführung), wir nicken uns grinsend zu (das sind dann nämlich schon deux Izoard auf dem Izoard), für Konversation haben wir beide nicht mehr die Puste – und vermutlich auch nicht die Fremdsprachenkenntnisse.
1.500 Meter und ein paar Kehren weiter hat man es geschafft, und man steht auf dem Pass – einem ausgesetzten, windigen Platz markiert von einer Säule.
Den Izoard-Kollegen erwartet seine Familie, mich nur der Wind. Grauslich.
Ich trinke ein Cola (wie schon am Croix de Fer) um 2,50 (Schnäppchenpreis für diese Gegend) und werfe mich in die Abfahrt, wirklich sagenhafte 15 Kilometer, auf denen man es ordentlich krachen lassen kann – perfekt ausgebaut, gute Sicht und Rückenwind.
Einen Abfahrtskollegen kann ich auf einer mit 50-12 voll durchgetretenen Gegensteigung abhängen, das ist zwar gut für’s Ego, aber schlecht für die Schenkel, die nun endgültig für eine andere Urlaubsplanung plädieren.
Danach geht es noch für ein paar Kilometer leicht bergab durchs Tal geschlängelt nach Briançon. Ich rolle zurück in den Ort, ins Hotel, und unter die Dusche.
Dann verzehre ich die in der Boulangerie um’s Eck gekauften Zitronenküchlein. Göttlich!
Habe fertig.